“Mit mir will keiner zu tun haben”

Nur die Beantwortung der Will-Frage klärt, ob aus einer heißen Kartoffel ein willkommenes Individuum und die Debatte über Geschlechterrollen obsolet wird.

Mit mir will keiner zu tun habenEin Satz, der kurzfristig einen regelrechten Gänsehautschock auslöst, langfristig brennt er sich ins Gehirn ein, wie Milch am Topfboden, erliegt man der Versuchung sich beim Puddingkochen nur zwei Sekunden lang des leidigen Permanentrührens zu entziehen. Ein Achtjähriger tölpelt in der hochsommerlichen Frühnachmittagshitze alleine mit seinem Fußball am Hof seines Vaters umher. Ihm sei so langweilig. Wo denn alle anderen sind? Martina ist arbeiten und der Papa sitzt drinnen beim Bier mit den Onkeln. „Mit mir will keiner zu tun haben“, sagt der Achtjährige, ohne zu mir hochzusehen, den Blick starr auf der Fußspitze haftend, die gerade den Ball ziellos über den Asphalt scheucht.

Es ist eines der Papa-Wochenenden, die nur alle 14 Tage stattfinden. Und es ist dummerweise gerade eines der Wochenenden, an denen Martina, die Lebensgefährtin des Papas, arbeiten muss. Ich betrete das Stüberl und frage jenen Papa, warum der Bub da draußen ganz alleine herumtölpelt, wenn er selbst doch offensichtlich Zeit hätte, mit seinem Sohn etwas zu unternehmen. Weil sich mit ihnen in dem Alter auch keiner mehr beschäftigt hat. Weil der Bub doch so viele Möglichkeiten hat, sich selbst Beschäftigung zu finden. Und weil Martina eh bald von der Arbeit nachhause kommt. Ich hör nicht mehr zu. Kann nicht mehr zuhören. In diesen Argumenten steckt so viel Blödsinn, dass ich im Affekt gar nicht weiß, wo ich mit meiner Gegenargumentation anfangen soll. Das Ringen um einen Anfangspunkt lässt meine latente chronische Gastritis urplötzlich zur akuten werden. Ich gehe.

Da erzählt eine junge Mutter im ORF Report vom 26. Mai 2020 wie sich ihr Mann im Homeoffice im Schlafzimmer eingesperrt hat, um seine Calls ungestört führen zu können. Sie beschreibt, wie gut er doch das Trommeln des Kindes an der Schlafzimmertür ausblenden konnte, bis letztendlich sie als Mutter zum Kind geeilt wäre. Eine grauenhafte Vorstellung aus der Sicht des Kindes.

Die gesamte Rollenverteilungsdebatte, die nun durch den Corona-Lockdown frischen Aufwind erfährt, ist von den Motiven Last, Arbeit, Entbehrung und lästige Verpflichtung geprägt. Sie lässt eine Perspektive vermissen, und wie ich meine, die wichtigste: die des Kindes. Da wird ein Mensch in die Welt gesetzt, der dann das Gefühl vermittelt bekommt, eine Last, ein Streitpunkt, ein Hindernis für höhere Ziele und Aufgaben zu sein. Es scheint, als wären wir alle als Erwachsene auf die Welt gekommen, als wären wir selbst nie Kinder gewesen. Stellen wir uns vor, wir wären acht Jahre alt und wir spielten alleine am Hof unseres Papas, weil mit uns niemand zu tun haben wollte. Stellen wir uns vor, wir trommelten mit unseren kleinen Fäustchen an die Schlafzimmertür, weil es Papa ist, zu dem wir wollen, nicht Mama, denn die ist ja ohnehin jederzeit verfügbar. Doch Papa ignoriert uns, egal wie laut und beharrlich wir trommeln. Er hat offensichtlich Wichtigeres zu tun. Und dann hören wir vielleicht abends in unseren Bettchen, wie sich Mama und Papa darüber streiten, wer denn nun die leidige Aufgabe, nämlich uns, zu tragen habe. Wir bekommen vielleicht mit, wie im Fernsehen und Radio ständig erzählt wird, wie viele Nachteile wir unseren Müttern bescheren würden, weil sie sich nicht so leicht aus der Affäre stehlen könnten, wie unsere Papas. Unsere Papas brächten es viel eher fertig, sich unserer zu entledigen. Mich wundert, dass wir nicht Heerscharen an gebrochenen Kindern auf den Straßen ziehen sehen, die mit ihren Pinkerln am Rücken irgendwohin gehen, wo sie weniger zur Last fallen, weniger Kummer bereiten, weniger Mühsal sind. Ein Ort, an dem ihre Existenz als heiße Kartoffel zu einer von willkommenen Individuen unserer Gesellschaft mutiert.

Es mag an meinem romantisch-blauäugigen Idealismus liegen, aber ich weigere mich, die gängigen Verhaltensformen in geschlechtliche Kategorien zu quetschen. Das wäre wohl eine willkommene Ausrede für all jene Menschen, die mit ihren Kindern scheinbar nichts zu tun haben wollen, die mehr Glück im Führen von Calls und Mails empfinden, als sich um ihre Kinder zu kümmern und sich darauf verlassen, dass eh der andere Mensch seine Arbeit liegen lassen und sich des leidigen Balgs annehmen wird. Nein, so leicht kriegen die nicht den Kopf aus der Schlinge. Weder die Kann-Frage noch die Muss-Frage stellt sich bei der Verantwortung für ein Kind. Einzig und allein die Will-Frage zählt. Und die ist völlig geschlechtsneutral. Will ich, dass mein Kind meine Nähe sucht? Will ich, dass mein Kind meine Hilfe braucht? Will ich für mein Kind eine zentrale Person sein? Endlos könnte man diese Will-Fragen fortführen. Wer diese Will-Frage nicht mit einem bedingungslosen Ja beantworten kann, sollte sich ohnehin eher überlegen, wofür er oder sie dann eigentlich Kinder wollten, anstatt weiterzugehen zu der Frage, wer sich um das Kind dann kümmern wird, wer auf Karriere und Freizeitvergnügen verzichten wird, um sich dem Kind zu widmen. Ist die Will-Frage positiv geklärt, wendet sich das Dasein eines Kindes von einer heißen Kartoffel zu der einer Fernbedienung bei nur einem Fernsehgerät im Haus. Und die besonders angenehme Begleiterscheinung; mit der Will-Frage wird jede schmerzvolle Debatte über Geschlechterrollen obsolet.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>