Einzigartigkeit vs. Klimawandel – Ein Widerspruch?

Es wird wärmer. Klar, der Frühling ist ja auch da. Aber es wird wirklich wärmer, langfristig. Das Wort, das schon niemand mehr hören kann, ist Klimawandel. Er ist wirklich da und er macht auch vor dem Weinbau nicht halt. Aber müssen wir uns von unseren klassischen, spritzigen Grünen Veltlinern verabschieden?

Weinviertel DAC als Einzigartigkeit

Entschließt sich ein Weinbaugebiet zu einer regionalen Herkunftsbezeichnung, wird meist, in Anlehnung an die romanischen Weinbaugebiete – man denke etwa an Chianti DOCG oder Medoc AOC – , der Name des Gebietes zusammen mit dem Kürzel DAC, also Districtus Austriae Controllatus verwendet. Die österreichische Ausnahme ist die Vinea Wachau mit ihrem dreistufigen System Steinfeder, Federspiel, und Smaragd in der kräftigen Kategorie. Mit dem Jahrgang 2002 ist das Weinviertel das erste Weinbaugebiet in Österreich, das eine solche Herkunftsbezeichnung einführt. Seither reißen die Diskussionen um Sinnhaftigkeit und Ausführung dieser „generischen Herkunftsbezeichnung“ nicht ab.

Sinn und Zweck einer solchen Herkunftsbezeichnung ist, die Herkunft garantieren zu können und ein klares Geschmacksprofil festzulegen, auf das sich der Konsument verlassen kann. Immerhin kann ein Grüner Veltliner aus der Wachau ganz anders schmecken, als einer, der im Weinviertel gewachsen ist. Daher muss jedes Weinbaugebiet für sich festlegen, was denn „typisch“ in dieser Gegend ist. Mit einer Anbaufläche von knapp 50 % Grünen Veltliner fiel die Entscheidung seinerzeit nicht schwer. Obwohl auch kurz über den Zweigelt als zusätzlicher roter Weinviertel DAC diskutiert wurde. Da das Weinviertel nie berühmt war für kräftige, holz-gereifte Weine, war auch die Stilistik schnell festgelegt: ein Weinviertel DAC ist ein klassischer, mittelgewichtiger Grüner Veltliner, trocken mit pfeffrig-fruchtigem Geschmack, ohne Holznoten und ohne Botrytis, also Edelfäule. Mittelgewichtig bedeutet dabei nicht mehr als 12,5 % vol. Alkohol laut Etikett. Da im Weinbaugesetz verankert ist, dass die Alkoholangabe auf dem Etikett auf 0,5 gerundet werden darf, bedeutet 12,5 % vol. Alkohol laut Etikett, dass der Wein tatsächlich sogar 13 % vol. Alkohol haben kann. Damit keine zu jungen, eckigen, kantigen Weine in die Gläser der Konsumenten gelangen konnten, hat man zudem den Verkaufsstart eines Jahrgangs im – und jetzt wird es ein bisschen kompliziert – März des auf die Ernte folgenden Jahres festgelegt. Ein Grüner Veltliner gelesen im Herbst 2012, der als Weinviertel DAC auf den Markt kommen sollte, durfte also frühestens am 1. März 2013 verkauft werden. Damit sollte das Weinviertel endlich den Qualitätsruf erfahren, den es verdient hat.

Mit dem Jahrgang 2009 wird schließlich noch die Reserve-Kategorie eingeführt. Weinviertel DAC Reserve ist freilich auch ein Grüner Veltliner, der mindestens 13 vol. % Alkohol laut Etikett hat, trocken ist, dicht und kräftig in der Struktur mit langem Abgang, wobei Holz- und Botrytis-Töne zulässig sind. Die Einreichung zur staatlichen Prüfnummer darf nicht vor dem 15. März des auf die Ernte folgenden Jahres erfolgen, was bedeutet, dass erst Ende März abgefüllt werden kann.

Ein Grüner Veltliner muss eine harte Prüfung bestehen, bis er sich Weinviertel DAC nennen darf. Zuerst wird er, wie jeder andere Qualitätswein in Österreich, der staatlichen Prüfung unterzogen. Das bedeutet er wird chemisch und sensorisch auf Herz und Nieren geprüft. Bei der sensorischen Prüfung müssen 4 von 6 staatlich geprüfte Verkoster bestätigen, dass dies ein sorten- und gebietstypischer Qualitätswein ist. Nur für den Weinviertel DAC war die Prüfung ursprünglich noch strenger; es mussten 5 von 6 Verkoster aus dem Weinviertel bestätigen, dass dies ein typischer, pfeffriger Grüner Veltliner aus dem Weinviertel ist.

Angepasste Einzigartigkeit

So ein strenges Reglement ermöglicht dem Winzer nicht viele Freiheiten. Für den Markt macht es allerdings Sinn, denn dadurch ist eine einzigartige, unverwechselbare Stilistik auf hohem Qualitätsniveau gewährleistet. Dennoch wird 2012 das strenge Regime für den Weinviertel DAC spürbar aufgelockert: Nun müssen, wie bei den Qualitätsweinen, nur noch 4 von 6 Verkostern den Wein abnicken, und diese müssen auch nicht mehr nur in Poysdorf oder Retz sitzen. Der Verkaufsstart wurde auf Jänner des auf die Ernte folgenden Jahres vorgezogen und außerdem die erlaubte Alkoholgradation auf 13 vol. % laut Etikett angehoben, also 13,5 % in Wirklichkeit.

Grund dafür seien Lieferengpässe zwischen Jänner und März sowie der Klimawandel gewesen. 2009 war etwa so ein Jahr, das viele Winzer vor Herausforderungen gestellt hat; heiß und trocken mit ansehnlichen Wetterkapriolen. Bedeutet hat das eine kleine Ernte mit sehr hoher Zuckergradation, also später hoher Alkoholgradation und damit Schwierigkeiten, die typische Weinviertler Stilistik zu erhalten.

Die ganze Weinwelt ist plötzlich im Bann des Klimawandels. Da machen angesehene Zeitschriften aus den Wachauer Marillenanlagen Zitronenplantagen und dem Weinviertel wird eine Zukunft als Rotwein-Zentrum wie im Rioja prophezeit. Düstere Aussichten für den Grünen Veltliner, aber noch düstere Aussichten für unsere Jahrzehnte lange Arbeit, international für die typische Weinviertler Stilistik bekannt zu werden. Die Einzigartigkeit wurde angepasst.

Wo ist der saure Brünnerstraßler geblieben?

Aber kann man auch die Zunge des Konsumenten anpassen? Immerhin ist ja auch der bekannte saure Brünnerstraßler verschwunden, das Klima wurde wärmer, der Regen weniger und die Winzer arbeiten nach neuen Qualitätsstandards im Weingarten. Das hat den Grünen Veltliner verändert und die Konsumenten haben sich daran gewöhnt. Den einstigen „Heckenklescha“ vermisst heute niemand mehr.

Dies war also eine Veränderung ins Positive. Wo aber der Vorteil einer Anhebung der erlaubten Alkoholgradation sein soll, wird heiß diskutiert. Gerade was die Positionierung beim Konsumenten im In- und Ausland betrifft, wird eine ständige Anpassung der Stilistik für gefährlich erachtet. So sieht das etwa Andreas Wickhoff, einer der wenigen Master of Wines weltweit. In seiner Masterarbeit beschäftigt er sich intensiv mit dem DAC-Regime als Herkunftsbezeichnung: „Wofür steht das Weinviertel eigentlich? Für mich steht Weinviertel für leichte, fruchtige und spritzige Weine.“ Für ihn sind nämlich Jahrgangsunterschiede ein Spezifikum des österreichischen Weines, und diese Einzigartigkeit müssten wir spielen. Die VineaWachau wäre deshalb so erfolgreich, weil sie in 25 Jahren nur einmal eine Änderung vorgenommen haben. Das Weinviertel DAC Konzept aber habe schon viele Hoppalas gehabt. Für Wickhoff ist grundsätzlich eine gleichbleibende Stilistik wichtig: „Das ganze System wäre zu hinterfragen, denn wozu brauche ich eine Alkoholgradation, die mir die Stilistik vorgibt?“ Freestyle, also eine sehr große Bandbreite beim Alkohol, sieht er als kontraproduktiv. Als Beispiel nennt er den aktuellen Jahrgang 2014, bei dem Winzer Probleme hatten, überhaupt eine mittelgewichtige Gradation zusammen zu bekommen, von Reserve-Kategorien ganz zu schweigen. Sollte also die gebietstypische Stilistik vielmehr den Alkoholgrad vorgeben? Nach Wickhoff ist eine Alkoholgrenze dann nicht sinnvoll, wenn man oft nachjustiert: „Der Konsument kümmert sich nicht um Alkoholgradation, aber um das Geschmacksprofil.“ Deshalb schlägt er vor, auf lange Sicht von Klassik versus Reserve wegzugehen und eher österreichweit in Richtung Lagenklassifikation zu denken, denn damit wäre die Einzigartigkeit noch stärker verankert.

Das Argument der Klimaerwärmung lässt der Master of Wine dabei nicht gelten. Denn das Weinviertel sei immer noch eine der kühlsten Regionen und nicht alleine von den neuen Bedingungen betroffen. Andere Regionen wie die Champagne etwa müssten dann schließlich ebenso ihre Stilistik neu diskutieren. Außerdem hätte man als Winzer die Möglichkeit, mit dem Lesezeitpunkt und angepasstem Laubwand-Management im Weingarten einer erhöhten Zuckereinlagerung entgegen zu wirken. In die gleiche Kerbe schlägt ein Mann aus der Praxis. Martin Hirtl arbeitet in seinen Weingärten so naturnah wie nur möglich und bildet sich auf diesem Sektor laufend fort. Er beteiligt sich an vielen neuen Ideen und Projekten wie etwa dem Weingartenhumus oder natürlicher Schädlingsbekämpfung. Als solcher wird er von Kollegen oft um Rat gebeten. Den Klimawandel sieht er als größte Herausforderung in den nächsten 10 bis 20 Jahren, aber im Sinne der zunehmenden Wetterkapriolen und weniger wegen steigender Alkoholwerte. „2007 und 2009 waren sehr warme Jahrgänge, in denen wir trotzdem eine klassische Linie mit 12 vol. % Alkohol geschafft haben,“ sagt der Winzer aus Poysdorf. Bereits beim Rebschnitt müsse man auf das Holz eingehen, was stärker wächst, lässt man länger. Dann geht es weiter mit der Triebkorrektur und die Blüte ist letztlich der wichtigste Indikator im Frühling. Je nachdem ob sie früher oder später stattfindet, ob sie länger oder kürzer dauert und ob viel oder wenig verblüht ist, müsse man die Traubenkorrektur zurechtlegen.  Langfristig könnte es sinnvoll sein, mehr auf Nordhängen zu pflanzen um die Fruchtigkeit und Leichtigkeit zu bewahren, aber kurzfristig seien Maßnahmen gegen Unwetter dringender. Daher trommelt er für mehr Begrünung um den Boden geschlossen zu halten: „Durch Windböen und Platzregen werden wir viel fruchtbaren Boden verlieren.“ Und auf ein gesundes Bodenleben sei zu setzen, denn „nur wenn das Bodenleben funktioniert, funktioniert auch die Pflanze.“

Generell meint Hirtl, wird in kürzerer Zukunft die Flexibilität des Winzers gefordert sein. Die Faustregel, dass 100 Tage nach der Blüte die Weinlese sein wird, kann so starr nicht mehr eingehalten werden: „Traubenkosten ist immer noch das Notwendigste, vor allem beim Grünen Veltliner. Denn nur physiologisch reife Trauben ergeben langlebige Weine,“ sagt Hirtl.

„In vielleicht 50 Jahren werden Dänemark und England die Weißwein-Gebiete Europas sein,“ aber die Gefahr in den nächsten 20 Jahren die Weinviertler Stilistik zu verlieren oder gänzlich auf andere Rebsorten setzen zu müssen, sieht der Winzer bei gekonnter Weingartenarbeit nicht. Deshalb wäre seiner Meinung nach die DAC-Umstellung jetzt noch nicht nötig gewesen. „Es war nicht sinnvoll, beim Weinviertel DAC auf 13 vol. % zu gehen, denn das ist gegen den Markt. Wozu gibt es dann noch die Reserve-Kategorie?“, fragt sich Martin Hirtl, der weiß, dass kräftige Weine in der Gastronomie schwer verkäuflich sind. Andreas Wickhoff resümiert schließlich: „Für den Konsumenten muss man bei einem Profil bleiben, man kann ihm nicht die Zunge ändern.“ Und wir Konsumenten können nur abwarten, was man uns in Zukunft als klassischen Weinviertel DAC einschenken will.

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