Kein Anfänger-Wein

Manchmal hat man den Eindruck, ein Wein muss heutzutage alles können. Er muss Trinkfreude bereiten und ein guter Speisenbegleiter sein. Er muss jung zu trinken sein und gleichzeitig ungemeines Lagerpotential haben. Er muss leicht zugänglich sein und ebenso vielschichtig, damit auch die hartgesottenen Wein-Freaks auf ihre Kosten kommen. Aber die miju-Redaktion zum Schweigen bringen, das ist ein seltenes Talent, mit dem der Weinviertel DAC Reserve 2011 vom Weingut Hirtl aus Poysdorf gesegnet ist.
Sprachlosigkeit. Drei Gläser Wein, drei gespannte Nasen, zwei sprachlose Gesichter und eine, die wie besessen darauf los schreibt. Strohgelb mit goldenem Schimmer, zarte grüne Reflexe, die ahnen lassen, dass dieser Grüne Veltliner unter der Appellation Weinviertel DAC Reserve ruhig noch eine Weile reifen kann. Sehr dichte Schlieren an der Glaswand machen den Körper dieses Weins sichtbar. Und dann kommt‘s. Gereifte, gelbe Birnen, Golden Delicious und Ringlotten Hand in Hand mit frischen Wiesenkräutern und einiges an Pfefferl, dann feine brotige Aromen.
Die anderen Notizblätter strahlen in hellem Weiß. Nur ein Begriff tanzt im wortleeren Raum – Leberwurst. Danke. Nun ist die Sprachlosigkeit ganz meinerseits. Es ist wohl die Kombination aus Reife und Würze, aus Pfeffer und dezenten hefigen Noten, die in ihrer Gesamtheit eine derartige Verbindung – von der Leber weg – erzeugen.
Die Zustimmung, dass am Gaumen spürbare Exotik und getrocknete Ananas zu bemerken sind, ringt mir schließlich ein erleichtertes Seufzen ab. Allerdings ist da noch ein wenig Mineralik, sehr gut eingebundener Alkohol und elegante Säure, die mit einer Idee von eingelegter Birne im mittel-langen Abgang kombiniert ist. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Waldberg heißt die Poysdorfer Riede, auf der dieser kräftige Bursche wächst. Nach Süd-Westen ausgerichtet mit sehr viel Lehmanteil, muss diese Reserve einfach komplex, gelb-fruchtig und kräftig werden. Dann noch die lange Rast auf der Feinhefe und viel Reifezeit ist eben Martin Hirtls Rezeptur für die oberste Liga der Grünen Veltliner.
Ihn zu jung zu trinken, davon ist wohl der österreichische Genießer nicht abzuhalten. Reifepotential hat er aber gut noch 5 Jahre. Ihn pur zu trinken, kann Spaß machen, besser aber man genießt ihn zu Asia Wok-Gerichten oder Pfeffersteak. Ihn aber als Anfänger zu trinken, strapaziert jedoch seine zugängliche Gutmütigkeit – no rookie stuff, please!
Also kein Alleskönner. Muss er auch nicht. Weine mit Würde zeigen eben stolz, woher sie kommen und wo sie hinwollen.
Analytisch zeigt sich der Weinviertel DAC Reserve aus dem Hause Hirtl ganz wie es die DAC-Verordnung für die Reserve verlangt: kräftig bei 13,3 vol % Alkohol und trocken bei 1,8 g/l Restzucker und 5,2 g/l Säure.

http://issuu.com/ichbinmijou/docs/miju_6/39?e=0/8126813Weinviertel DAC Reserve

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