Saugeile Reanimation made in Poysdorf

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWas mit ordentlicher Originalität aus einer Schweineweide alles werden kann, zeigen die Poysdorfer seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die Ried Saurüsseln hat nämlich ihren Namen von eben dieser ursprünglichen Nutzung, bis sie ihn 1957 an eine der bis heute bekanntesten Weinmarken Österreichs vererbt hat. Vor 4 Jahren komplett neu reanimiert, gehört der Poysdorfer Saurüssel nun zu Poysdorf wie der Steffel zu Wien.

Der Reichensteinhof in Poysdorf ist gerammelt voll. In der Mitte des eleganten Historismus-Saales 16 WinzerInnen, alle in Blue Jeans und weißem Hemd, eingestrickt. Auf dem Hemd das Logo des Poysdorfer Saurüssels. Aha. Deshalb also das Spektakel. Es geht um die Jahrgangs-Präsentation des „neuen“ Poysdorfer Saurüssels, die bereits zum vierten Mal jeweils Ende Jänner stattfindet. Die 16 verschiedenen Saurüsseln werden kulinarisch unterlegt von sechs verschiedenen Schweine-Schmankerln, die Severin Weber mit seiner Genusswerkstatt Siebenschläfer aus Falkenstein kreiert und serviert. Musikalisch gibt sich das Bernhard Wiesinger Quartett die Ehre.

Halt. 16 verschiedene Saurüssel Weine? Tatsache. Das Konzept des Vereins sieht nämlich vor, dass jeder Mitgliedsbetrieb seinen eigenen Wein macht. Dieser Wein muss aus der Rebsorte Grüner Veltliner, trocken ausgebaut mit einem Alkoholgehalt von 11,5 % vol. sein. Das Geschmacksprofil ist dabei vorgegeben als leicht, frisch-fruchtig und trinkanimierend. Ein echter Saurüssel muss ein Qualitätswein, ausgestattet mit amtlicher Prüfnummer sein. Aber dem nicht genug, werden die Kandidatenweine noch zusätzlich von einer 5-köpfigen Jury verkostet, ob sie denn auch dem Geschmacksprofil entsprechen und den Qualitätsansprüchen genügen. Hat dieser fruchtig-frische Veltliner all das bestanden, darf er sich künftig mit dem Namen Saurüssel schmücken.

Gleichzeitig Segen und Fluch sind aber diese 16 verschiedenen Saurüsseln. Das Vorderetikett ist einheitlich, der Hersteller nur auf dem Rückenetikett ersichtlich. Die wenigsten Weingenießer achten aber auf das Rückenetikett oder fragen im Wirtshaus, von wem denn der Saurüssel sei. Umso wichtiger ist es, die Qualität und Stilistik genau zu überprüfen, denn schert ein Betrieb aus, kann ein enttäuschter Kunde auf immer die gesamte Marke damit verbinden. Was für die Einen eine Notwendigkeit, ist für die Anderen ein Geburtsfehler. Die Alternative wäre nämlich, dass die Betriebe die Trauben zulieferten und einer von ihnen daraus einen gemeinsamen Wein machte. Genau das will man im Verein Poysdorfer Saurüssel aber nicht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Haben‘s scho alle durch?“, fragt plötzlich einer der Weißhemden und setzt schon zum Nachschenken an. Ein Blick auf das Rückenetikett der Flasche verrät, dass ich hier beim Gut Kellerstöckl gelandet bin. Warum die Stilistik des Poysdorfer Saurüssel so präzise definiert ist? „Dass wir im Weinviertel hervorragende mittelgewichtige, pfeffrige Veltliner anbieten können, haben wir spätestens mit dem Weinviertel DAC bewiesen“, sagt der Winzer Horst Schuckert, „Der Poysdorfer Saurüssel war aber immer schon ein eher leichter Wein, damals sogar mit Zuckerspitzerl. Diese leichte Charakteristik wollen wir beibehalten und gleichzeitig zeigen, dass im Weinviertel top Veltliner von der Einstiegsliga bis zur Reservekategorie entstehen.“

Wer hat‘s erfunden?

Jedenfalls nicht die Schweizer. Die Marke wurde 1957 vom Niederösterreichischen Weinbauverband ins Leben gerufen. Josef Weisböck, ein Poysdorfer, war damals der Direktor. Durch seine Initiative wurde die Marke als „Poysdorfer Saurüssel“ beim Patentamt angemeldet und somit zu einer der ersten Weinmarken der Nachkriegsjahre. In einer Zeit, in der hauptsächlich Wein aus Dopplern getrunken wurde, war der Poysdorfer Saurüssel bereits in der Bouteille und wurde zu besonderen Gelegenheiten eingeschenkt. Er überlebte sogar den Weinskandal Mitte der 1980er. Nur die Platzierung im Supermarkt, die überlebte er nicht. 1998 übernahm Lenz Moser sämtliche Marken des Niederösterreichischen Weinbauverbandes, darunter der Poysdorfer Saurüssel, stellte den Verkauf aber 2002 wieder ein. Carlo Wilfing, heute Landesrat Mag. Karl Wilfing, hatte die Idee, die Marke wieder nach Hause zu holen und sicherte der Stadtgemeinde Poysdorf gemeinsam mit damals noch 13 Poysdorfer Winzern – dem „Verein Poysdorfer Saurüssel“ – die Rechte an der Marke. Anfang 2011 war es schließlich soweit: Das Revival des Poysdorfer Saurüssels wurde gefeiert.

Reanimation, Revival oder Recycling?

Nach der 16. Kostprobe weiß man, dass nur der Name der Alte ist. Etikett und Inhalt sind im 21. Jahrhundert angekommen. Eine kugelrunde Schweinsnase auf weißem Etikett mit knalligem Blau ist   von allem Typischen, Konventionellen und Schon-Gehabten weit entfernt. Der Veltliner ist leicht zugänglich, fruchtig und macht einfach Spaß. Der Poysdorfer Saurüssel war nie wirklich verschwunden, er war auch nichts, was man weggeworfen hat. Der Saurüssel war immer im Hinterkopf und am Gaumen der ÖsterreicherInnen. Die Poysdorfer wussten einfach, wie man Gutes reanimiert.

erschienen in Mijou 01/2014 http://www.mijou.at/

http://issuu.com/ichbinmijou/docs/mijou__4/1?e=0

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