Kaffeesatzleserei

Kaffeetasse mit KaffeesatzBekanntlich ist es der frühe Vogel, der den Wurm fängt. Aber so früh, wie man sich hierzulande bereits nach dem neuen Wein-Jahrgang zu sehnen scheint, wäre auch unseren gefiederten Freunden zu früh. Immerhin bringt letztlich der hiesige Jungwein-Hype sogar renommierte Weinkritiker dazu, im Kaffeesatz des Wetters lesen.

Der Winzer raunt, bereits im September würde sich niemand mehr für den aktuellen Jahrgang interessieren. Der Handel steht unter Druck, im November seine Regale ausverkauft zu haben, um Platz für den neuen Jahrgang zu schaffen. Und den Weintrinkern und -trinkerinnen fällt nicht auf, dass ihnen dadurch mitunter die besten Weine entgehen, weil sie dem Rebensaft keine Zeit zum Reifen gönnen. Wenn sich alles nach dem Markt richten ließe, müsste wohl schon im August gelesen werden.

In Österreich hat die Faszination Jungwein lange Tradition, doch kommt mittlerweile ein laues Lüftchen auf, Herrn und Frau Weinfreund zu zeigen, dass gut Ding Weile braucht. Die für Österreich relativ späten Verkaufsstarts von Weinviertel DAC und Weinviertel DAC Reserve gehen schon in diese Richtung. Aber eines wirft all diesen Ambitionen einen Knüppel vor die Füße: die eher nur marginal ernst zu nehmenden Jahrgangsprognosen renommierter Weinkritiker.

Auch diese scheinen sich mittlerweile dem Jungweindruck zu beugen. Prognosen über den kommenden Jahrgang machen im August durchaus Sinn, denn da ist die Reife voll im Gange. Das Wetter ist zum Großteil ruhig und beständig, Kapriolen und Unwnetter sind seltener. Bis vor wenigen Jahren las man jene Jahrgangsprognosen auch erst im August. Dann aber im Juni, irgendwann bereits im Mai und zuletzt im Jahre 2012 gab es allen Ernstes bereits im Februar gewagte Prognosen über den Jahrgang, der erst im Oktober gelesen werden soll.
Im Februar war die frostige Kälte noch voll im Gange, ein Hauch Sibirien mit trockenen Temperaturen von weniger als minus 15 Grad – ein Härtetest und oft Todesurteil für einen Weinstock. Im Februar wusste man noch nichts vom viel bejammerten 19. Mai, in dessen Nacht ein Spätfrost von bis zu minus 6 Grad Celsius vielen Reben den Garaus gemacht haben. Im westlichen Weinviertel verzeichneten manche Winzer nach dieser Nacht Ernteausfälle von 90 % (!). Was der Spätfrost nicht geschafft hat, hat schließlich der trockendste Frühling seit 70 Jahren geschafft – ein Trauerspiel im Weingarten. Dann kam der Regen, für das Getreide viel zu spät, das war schon hin, aber für den Weinbau hat man gehofft. Doch der Regen kam mit Hagel, und zwar mit richtig großem Hagel. Aus der Südsteiermark wird es dieses Jahr nicht viel Wein geben, ließen die Fernsehbilder vermuten und alle fühlten mit den Steirern. Aber dann kam der Hagel auch in die niederösterreichischen Weinbaugebiete und machte aus nicht viel sehr wenig. Zwei gewaltige Hagelstürme in Poysdorf sorgten dafür, dass ein Blick in die sommerlichen Weingärten ein gewisses Jänner-Gefühl bewirkt – völlig blattlose Weinstöcke im Juli sind kein schöner Anblick.

Konnten Weinkritiker das alles bereits im Februar in ihren Kaffeesätzen lesen? Wenn ja, warum haben sie uns nicht gewarnt? Oder haben sie sich mit ihren übereilten Jahrgangsprognosen einfach dem Jungweindruck gebeugt? Schade nur für die Winzer, deren letzte Verbündete im Kampf gegen den übereilten Weingenuss damit gefallen sind. Immerhin sollte Journalismus auf Tatsachen beruhen, und die schwimmen nicht in unseren morgentlichen Kaffeesätzen.

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